Masken- und Typentheater
– Gesten, Körperhaltungen, Stimme-

Personam tragicam forte vulpes viderat;
quam postquam huc illuc semel atque iterum verterat,
‘O quanta species’ inquit ‘cerebrum non habet!’

„Als der Fuchs eine Maske durch Zufall gesehen hatte, rief er, nachdem er sie immer wieder hin und her gewendet hatte: ‚Oh, welch großartiges Aussehen, Verstand hat sie aber keinen.‘ “

Phaedrus, römischer Fabeldichter

Dionysien waren im antiken Griechenland Festspiele zu Ehren des Gottes Dionysos, des Gottes der Ekstase, des Rausches, der Verwandlung und des Weins.
Der antike Gott Dionysos hat zwei Erscheinungsformen: er ist ein lustiger, harmloser Gott des Weins auf der einen, ein fundamental ernster auf der anderen Seite.
Was als religiöser Kult mit Umzügen begann, entwickelte sich in Athen zu einem Fest. Aus den kultischen Gesangs-, Tanz- und Opferriten entwickelten sich die griechische Tragödie (ernst) und Komödie (heiter) in religiösem Kontext.

Die Figuren auf der griechischen Bühne trugen Masken. Die Stimme der Darsteller musste durch diese Maske tönen, also per sonare, womit der Begriff Person abgeleitet werden kann.
Stimmbildung hatte bei den Griechen ihren festen Platz in der Rhetorik als auch im Theater.
Die Beschaffenheit des Menschen in Bezug auf Körperbau, Leistungsfähigkeit und seelisches Verhalten unterschieden die Griechen in vier Temperamente:

Sanguiniker : lebhaft, beweglich, optimistisch, leichtblütig
Phlegmatiker : schwerfällig, behäbig, bequem, gemütlich, langsam
Choleriker : leidenschaftlich, aufbrausend, jähzornig, unbeherrscht
Melancholiker : schwermütig, trübsinnig, pessimistisch, gleichgültig
Hier geht es also um wiederkehrende Grundtypen, die jeweilige, ihres Körperbaus- und haltung bedingte eigene Spielweisen und Gesten haben.

Damit das Maskenspiel nicht als ein ausdrucksloses empfunden wird, da dem Schauspieler ja das wesentliche -nämlich das Mienenspiel- genommen wurde, ging es in der Entwicklung der Theatergeschichte darum, die „Beweglichkeit“ der Maske zu erarbeiten.
Eine wichtige Epoche stellt die Berufsschauspielkunst in Italien im 16. Jahrhundert dar:
die Commedia dell’arte. Commedia steht hier für Theater, arte übersetzen wir im Sinne von Kunst mit Handwerk und Beruf. Auf alten Stichen und Bildern finden wir auch stereotype Vorlagen von Charakteren, die dem Schema von Menschen als archetypische Abbilder entsprechen.

Hier einige Beispiele:
Dottore, der Doktor oder Advokat, meist dick mit einem künstlichen Bauch dargestellt, entspricht eher dem Phlegmatiker. Pantalone, ein etwas älterer Herr, oft hoffnungslos verliebt in jüngere Damen aber sehr leidenschaftlich, könnte als Choleriker gelten, oder Arlechino, eine lebenslustige und beinahe teuflische Gestalt, der immer Hunger hat, umtriebig ist und zwischen gut und böse, Himmel und Hölle umherspringt, energiegeladen die unterschiedlichsten Rollen zu spielen vermag, er kann nur ein Sanguinker sein!

Jede Körperform, oder stilisierte Haltung eines menschlichen Typus, hat seine eigene Stimme.
Der behäbige Doktor wird eher eine tiefe, „satte“ Stimme haben, als Arlecchino, der durch seinen drahtigen Körperbau eher eine höhere Stimmlage hat. Neben der schauspielerischen Technik
entzückt uns aber immer wieder die Authentizität der Spieler und ihre strahlende Lebensfreude.
Begegnen wir den Komikern des Stummfilms, wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton, so finden wir hier ähnliche Typisierungen wieder, mit dem Unterschied, dass im modernen Medium Film nicht mehr mit Masken gespielt wurde. Die beiden Schauspieler ließen sich etwas anderes einfallen: sie überzeugten mit ihrer Mimik. Die unverwechselbaren Gesichtszüge von Chaplin, sowie seine quirlige Gesamtmotorik, wurden sein Markenzeichen. Die pantomimischen Künste waren wichtig, da dem Film der Ton fehlte. Diese entlehnte man der commedia dell’arte.
In der Oper des 20. Jahrhunderts treffen wir nochmals auf den Geist der commedie dell’arte:
Das Libretto Hugo von Hofmannsthals Ariadne auf Naxos, vertont von Richard Strauss, ist eine Mischung aus heiterer Oper, der Opera buffa, sowie der ernsten, der Opera seria.
Wir treffen auf bekannte Stereotypen aus der commedia: Harlekin (Arlecchino), Truffaldino, Scaramuccio (Pantalone).

Wie im Dyionisus-Kult trifft das Lustige auf das Ernste/Traurige mit dem Unterschied, dass hier ohne Maske gesungen wird. Wir sind in der Oper und möchten die Stimmen der Sängerinnen und der Sänger unverfälscht und direkt erleben!

☞    Die AAP lüftet die Maske!
☞    Sie hat ihre Wurzeln im Theater. Im Vordergrund steht das Individuum als
        kommunizierende Persönlichkeit. Das ist Stimmtraining heute!
☞    stereotype Gesten wirken monton und damit ermüdend auf die Zuhörer
☞    hinter „maskiertem“ Sprechen und Reden können wir keine Persönlichkeit entdecken,

        dies hindert den belebenden Kontakt in der Kommunikation

☞    Wir möchten hinter dem, was gesagt wird, auch immer den Menschen entdecken,

        der dies tut.